Welche Windstärke ist gefährlich?

Die Bilder sind erschreckend und wir haben uns sofort gefragt „Welche Windstärke ist gefährlich?“. Diese verblüffenden Erkenntnisse kamen bei der Recherche zu Tage.

„Welche Windstärke ist gefährlich?“ – und wieso?

5 Videos dokumentieren die katastrophalen Auswirkungen von Stürmen mit hohen Windstärken in diesem Artikel. Schauen wir uns aber erst mal die statistischen Wahrscheinlichkeiten an. Die nachfolgend als sogenannte „Risikowahrscheinlichkeiten“ genannten Zahlen sind das Ergebnis von Langzeituntersuchungen.

  • „Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, durch einen Sturm verletzt zu werden?“

    Die Unfallwahrscheinlichkeit (Das Risiko für eine Verletzung durch einen Sturm) liegt im Jahr bei etwa 5-10 Personen pro 100.000 Einwohner. Damit liegt die Unfallwahrscheinichkeit bei etwa 0,005% bis 0,010%.

  • „Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, bei einem Sturm zu sterben?“

    Die Todesfallwahrscheinlichkeit (Das Risiko für eine tödliche Verletzung durch einen Sturm) liegt im Jahr bei etwa 0,05 Personen auf 1.000.000 Einwohner. Damit liegt die Todesfallwahrscheinlichkeit bei etwa 0,00005 Promille oder 1 : 20 Millionen.

Wodurch werden bei einem Sturm die meisten Todesfälle verursacht?

Wer jetzt das Bild von durch die Luft gewirbelten Menschen vor Augen hat, der sieht zuviel TV. Tatsächlich haben die meisten Todesfälle bei Stürmen als Ursache schlicht Gegenstände, welche durch die Luft gewirbelt werden und herabfallende Trümmer.

Winddruck und Windsog sind gefährlich. Doch warum?

Welche Windstärke gefährlich ist, wird bewusst, wenn man sich vorstellen kann, mit welchem Druck sich der Wind auf einen Menschen presst, der im Freien einer Windböe ausgesetzt ist. Und darüber hinaus gibt es auch noch den sogenannten Windsog, der den wenigsten Menschen bekannt ist.

Winddruck: Welche Windstärke ist hier wohl bereits gefährlich?

Den Winddruck kennen wir aus eigenen Erfahrungen. Man geht gegen den Wind und kommt kaum voran. Doch welche Windstärke ist für Windkraftanlagen gefährlich? Für Lkw? Für  Flugzeuge? Für Schiffe? (#2)

Den Winddruck kennen wir aus eigenen Erfahrungen. Man geht gegen den Wind und kommt kaum voran. Doch welche Windstärke ist für Windkraftanlagen gefährlich? Für Lkw? Für Flugzeuge? Für Schiffe? (#2)

Den Winddruck drückt man in „Kilogramm auf einen Quadratmeter“ aus. Bei einer Windgeschwindigkeit von 36 km/h (also Windstärke 5 oder BFT 5) liegt der Winddruck bereits bei 7 Kilogramm. Das ist noch nicht sehr viel.

Ein schwerer Sturm hat Windgeschwindigkeiten um die 100 km/h. Bei einer Windgeschwindigkeit von 100 km/h – das entspricht der Windstärke 10 bzw. BFT 10 liegt der Winddruck bereits bei 50 Kilogramm. Das ist 50 mal soviel wie bei einer Windgeschwindigkeit von 36 km/h. Wie kann man sich den Winddruck von 50kg vorstellen? Ein erwachsener Mensch hat von vorne gesehen eine Querschnittsfläche von etwa 0,4 Quadratmetern. Wer also zu Fuß gegen eine Sturmböe von 100 km/h antritt, der spürt ein Gewicht von 0,4 x 50 = 20 Kilogramm gegen sich drücken. Das entspricht dem mittleren Gewicht eines sechsjährigen Kindes.

Windsog: Welche Windstärke wird hier gefährlich?

Der Windsog ist oft noch viel gefährlicher als der Winddruck. Doch welche Windstärke ist wirklich gefährlich? (#1)

Der Windsog ist oft noch viel gefährlicher als der Winddruck. Doch welche Windstärke ist wirklich gefährlich? (#1)

Der Windsog wird in Tonnen auf 100 Quadratmeter ausgedrückt. Bleiben wir mit einem Beispiel mal zwischen den Windgeschwindigkeiten von gerade eben. Bei einer Windgeschwindigkeit von 72 km/h – das entspricht der Windstärke 8 oder BFT 8 – beträgt der Windsog bereits 2,4 Tonnen. Bei einer Windgeschwindigkeit von 120 km/h – das ist Windstärke 12 / BFT 12 – beträgt der Windsog bereits 7,5 Tonnen, bei 136 km/h Windgeschwindigkeit sind es sogar 10 Tonnen.

Wieviel ist das eigentlich: Ein Windsog von „7,5 Tonnen auf 100 Quadratmeter“ ? Wenn wir wieder unsere Beispielperson von vorhin nehmen, dann rechnen wir mal die 7,5 Tonnen um. Der Windsog an dieser Person beträgt 7,5 Tonnen / 100 * 0,4 = 30 Kilogramm. Der Windsog hat hier also nochmal 50% mehr Power als der Winddruck.

Welche Windstärke ist gefährlich … für Windräder und Windkraftanlagen?

Wir haben ja vor wenigen Tagen hier gelesen, dass Windkraftanlagen keinen Sturm zu fürchten brauchen. Dass dies manchmal nur graue Theorie ist, zeigt das nachfolgende Video. Das Video zeigt die Windkraftanlage bei Münchberg an der A9. Der Sturm Thomas beutelt das Windrad und man kann unschwer erkennen, wie er das Windrad „zerlegt“ hat.

Thomas brachte schwere Sturmböen von 90 bis 100 km/h (Windstärke 10 / BFT 10) mit. In einem Streifen von Niederrhein und Ems bis hin zur Elbe sah man orkanartige Böen von über 100 km/h, im Bergland sogar Orkanböen von über 120 km/h (Windstärke 12 / BFT 12).

Das Sturmtief Thomas kam am 23. Februar 2017 von den brischen Inseln nach Deutschland und sorgte vielerorts für schwere Schäden. In Münchberg im Landkreis Hof beschädigte „Thomas“ das Windrad (es wurde erst im März 2014 gebaut) einer Windkraftanlage. Zwei Blätter des Windrads wurden abgeknickt und abgerissen.

Christian Struck, der Geschäftsführer des Betreibers der Windkraftanlage (die Windkraft Laubersreuth GmbH) wurde zu den möglichen Ursachen befragt. In einem Interview des Bayerischen Rundfunks teilte er mit: „In Frage kommen zum Beispiel Produktionsfehler bei den Rotorblättern oder ein Fehler in der Steuer-Software.“.

Einen Schaden durch Sturm hätte es eigentlich gar nicht geben dürfen. Umso wichtiger war auch den Betreibern die Suche nach den Ursachen für die Havarie, denn baugleiche Anlagen im Umland wurden vom Sturm Thomas nicht angegriffen.

Welche Windstärke ist gefährlich … für einen Lkw?

Lkws sind ja eigentlich tonnenschwer. Doch hilft das, wenn die Urkräfte eines Sturms anpacken und den Truck durchschütteln? Das Sturmtief „Friederike“ hat im Januar 2018 gezeigt, welche Schäden bei einem heftigen Sturm möglich sind.

Können Lkw bei Sturm umkippen?

Besonders gefährdet sind Lkw-Gespanne mit einem Gesamtgewicht von bis zu 12 Tonnen. Eine Studie hat herausgefunden, dass solche Lkw-Gespanne unbeladen bereits bei einer Windstärke 5 ( BFT 5 ) umkippen können. Die Ursache hierfür ist recht simpel. Lkw-Gespanne können eine Gesamtlänge von 18,75 m (Lastzug/Lastkraftwagen mit Anhänger) haben. Die Höhe beträgt bis zu 4 m. Wenn wir unsere obige Formel für den Winddruck anwenden, dann haben wir einen Winddruck von 7 Kilo pro Quadratmeter. Bei einer seitlichen Fläche von 18,75 x 4 = 75m² ist dies ein Winddruck von 7 x 75 = 525 Kilogramm – also eine halbe Tonne!

Die Studie wurde vom Unfallforschung der Versicherer (UDV) erstellt. Nach dieser Studie besteht für einen 12t-Lkw bereits bei einer Windstärke von BFT 7 ein Risiko, umzufallen. Die Windstärke entspricht einer Windgeschwindigkeit von etwa 55 km/h. 40-Tonner jedoch bleiben vom Wind recht unbeeindruckt. Die Untersuchungen wurden von der UDV mit Computersimulationen durchgeführt.

Im Jahr 2015 kam es in Sachsen-Anhalt durch den Sturm Niklas zu schweren Schäden. Nach Erkenntnissen der UDV wurden durch den Sturm „Niklas“ am 31. März 2015 in Sachsen-Anhalt dreizehn Lkw oder Gespanne durch Einwirkung des Windes umgeworfen.

Video: Lkw kippt bei Fahrt im Sturm auf der Autobahn

Das nachfolgende Video zeigt, wie ein Lkw bei der Fahrt auf der Autobahn von einer starken Seitenböe erfasst wird.

Welche Windstärke ist gefährlich … für ein Kreuzfahrtschiff?

Kreuzfahrtschiffe können auf hoher See unvermittelt in schwere See geraten. Bei Windgeschwindigkeiten von 120 km/h können meterhohe Wellen gegen den Kreuzfahrer anbranden. Kann ein solcher Luxusliner solche Unwetter aushalten? Ab welcher Windstärke ist Untergang angesagt?

Video der AIDA Cara bei Windstärke 12 / BFT 12

Hier steht die AIDA cara noch in ruhigen Gewässern. Doch welche Windstärke ist gefährlich für die AIDA cara? Im Video erkennt man, was alles an Bord geschah. (#3)

Hier steht die AIDA cara noch in ruhigen Gewässern. Doch welche Windstärke ist gefährlich für die AIDA cara? Im Video erkennt man, was alles an Bord geschah. (#3)

Dieses Video zeigt das Kreuzfahrtschiff AIDA Cara auf seinem Weg von Santander nach Le Havre. Der Weg führt durch den Golf von Biskaya und die 10 Meter hohen Wellen machen dem Luxusliner ganz schön zu schaffen. Im Video sieht man, welches Chaos der Sturm mit dem Schiff veranstaltet hat.

Nachts wurde ein verletzter Koch mit einem Hubschrauber der Seenotrettung ausgeflogen. Bei der Ankunft in Le Havre wurde das Schiff bereits von einer Flotte von Krankenwagen erwartet. Die Verletzten wiesen schlimme Verletzungen auf: unter anderem Schlüsselbeinbruch, Hüftbruch und Herzanfall. Schwere Schäden soll es auch unter Decke gegeben haben. Der Kameramann spricht von Fernsehern, die einfach aus ihrer Wandhalterung gerissen wurden und dem AIDA Shop, dessen Regale leergefegt und auf den Boden entleert wurden.

Experte Hackmann erklärt

Peter Hackmann – Sprecher der Meyer Werft in Papenburg – sieht Stürme mit hohen Windgeschwindigkeiten recht gelassen. Er erklärte kürzlich „Moderne große Kreuzfahrtschiffe sind so ausgelegt, dass schwerer Seegang oder ein Sturm das Schiff nicht zum Kentern bringen kann. Keiner muss um Leib und Leben fürchten. Alle Schiffe könnten sich selbst bei einer Schräglage von 40 Grad wieder aufrichten.“. Dennoch bleibt eine starke Unsicherheit, wenn das Schiff in Schwere see gerät und zu schwanken beginnt.

Diese Unsicherheit ist auch berechtigt. Bei schwerer See mit Windstärke 12 / BFT 12 können Wellen schon mal 20 Meter hoch werden. An Bord eines Kreuzfahrtschiffs können Scheiben zerbrechen und nicht befestigte Objekte und Gegenstände wie Mobiliar, Geräte und selbst Passagiere können durch die Luft gewirbelt werden und zu Schäden am Schiff und zu Verletzungen bei Passagieren führen.

Bei Windstärke 12 können sich Passagiere zudem nicht mehr sicher an Bord bewegen. Das Risiko, zu stürzen und sich dabei zu verletzen, ist sehr hoch.

Das Unglück der Pacific Sun 2008

Im Jahr 2008 kam es 650 Kilometer vor der neuseeländischen Küste zu einer Situation in einem Sturm, bei dem 42 Menschen verletzt wurden. Das Video zeigt, wie damals Menschen und gegenstände an Bord der Pacific Sun umhergewirbelt wurden.

Welche Windstärke ist gefährlich … für ein Flugzeug?

Wer öfters in den Urlaub fliegt ist sicher schon mal in eine Windböe geraten und wurde krägtig durchgeschüttelt. Wenn ein Flugzeug von einem Sturm mit Windstärke 12 erfasst wird, zerren nochmal ganz andere Kräfte am Rumpf und man möchte sich die Situation schon nicht mehr vorstellen.

Im nachfolgenden Video hat das Sturmtief „Friederike“ einen landenden Jet mit Seitenwinden von über 110 km/h erfasst. Sehen Sie selbst, was der Sturm „Friederike“ mir dem Flugzeug macht.

Seitenwind ist für Flugzeuge besonders problematisch

Ab einem Seitenwind mit Windstärke 7 (BFT 7, cirka 50-60 km/h) müssen Flugzeuge am Boden bleiben. Kommt der gleiche Wind von Vorne, kann ein Flugzeug jedoch problemlos landen. Kommt er von hinten, darf das Flugzeug nicht mehr landen, denn der Wind schiebt zu sehr und könnte das Flugzeug über das Ende der Landebahn hinausdrücken.


Bildnachweis: © shutterstock – Titelbild: MARTIN JOHN OSBORNE, #1 Ralf Maassen (DTEurope), #2 Carlos Amarillo, #3 Vytautas Kielaitis

Über Marius Beilhammer

Marius Beilhammer, Jahrgang 1969, studierte Journalismus in Bamberg. Er schreibt bereits viele Jahre für technische Fachmagazine, außerdem als freier Autor zu verschiedensten Markt- und Businessthemen. Als fränkische Frohnatur findet er bei seiner Arbeit stets die Balance zwischen Leichtigkeit und umfassendem Know-how durch seine ausgeprägte Affinität zur Technik.

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